19.12.2018

BFAV-Umfrage zur TI: Zweidrittel der Praxen verweigern trotz Strafandrohung den Konnektor

Dr. Karl Ebertseder, Facharzt für Nervenheilkunde, Vorstandsmitglied BFAV

Laut dem sog. eHealth-Gesetz, in Kraft getreten zum 01.01.2016, sollten bereits zum 01.07.2018 flächendeckend alle Praxen mittels eines in das Praxisverwaltungssystem integrierten, extern konfigurierten und gewarteten Konnektors an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen sein und den Online-Stammdatenabgleich mit den Servern der Krankenkassen durchführen. Andernfalls werden Strafen in Höhe von 1% des Quartalshonorars angedroht.

Mit diesem vom BMG verordneten straffen Zeitrahmen sollte das auch nach 15 Jahren kaum von der Stelle gekommene und inzwischen z.T. technisch veraltete Projekt, das zuletzt endgültig als milliardenteure Investitionsruine zu enden drohte, jetzt im Hau-Ruck-Verfahren doch noch durchgesetzt werden. Allein, es stellte sich schnell heraus, dass der gesetzte Zeitrahmen schon aus technischen Gründen unmöglich einzuhalten war. Und so wurde die Frist zunächst um ein halbes Jahr, bis zum 01.01.2019, verlängert. Nachdem auch diese Verlängerung für die Planer im BMG und die zur Umsetzung verpflichteten KVen zum Fiasko zu werden drohte, sah sich Bundesgesundheitsminister Spahn gezwungen, die Frist erneut um ein weiteres halbes Jahr zu verlängern, nun zum 01.07.2019 - allerdings mit der Einschränkung, dass der Konnektor bis zum 31.12.2018 bestellt sein muss. Im Herbst 2018 waren aber lt. Mitteilungen der KV immer noch rd. 80% der Praxen nicht angeschlossen.
 
Aus Kreisen der KV wird in der Öffentlichkeit der Eindruck vermittelt, als wollten sich die Vertragsärzte generell gerne an die TI anschließen lassen, könnten dies bisher aber nur nicht aufgrund technischer Verzögerungen, die von der Industrie zu verantworten seien.

Verschwiegen wird dabei eine in der Kollegenschaft weit verbreitete Skepsis bis hin zu totaler Ablehnung des TI-Anschlusses.

Die Ablehnung bezieht sich sowohl auf fehlenden Nutzen für die Praxis-Arbeit, vielfach berichtete Störung der Praxis-Abläufe, zusätzlicher Bürokratie-Last insbesondere durch die Verpflichtung zum online-Versichertenstammdatenabgleich (VSDM), ungeklärter finanzieller Folgelasten für die Praxen, wie auch die bisher nicht verbindlich ausgeräumten Datenschutz-Bedenken, gerade vor dem Hintergrund der neuen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), und der Befürchtung eines mittels des Konnektors grundsätzlich möglichen externen Zugriffs auf die Praxisdaten und der Möglichkeit einer online-Überwachung der Praxen - in der Konsequenz die Aushebelung des Arzt- und Patientengeheimnisses (Stichwort: „Gläserne Praxis“).

Um ein objektives Stimmungsbild der Basis zu bekommen, führte der BFAV im Oktober 2018 eine Faxumfrage durch. Über 6000 bayerische Praxen wurden angeschrieben. Das Ergebnis der mit 826 Rückmeldungen (81% Fachärzte, 17% Hausärzte und 2% Psychotherapeuten) repräsentativen Umfrage bestätigt zunächst die bereits auch von der KV veröffentlichten Zahlen: Nur 21% sind schon angeschlossen, während immer noch 79 % nicht angeschlossen sind.

Von den 21% bereits angeschlossenen Praxen gaben 56% an, Probleme zu haben, die den Praxisablauf stören und/oder zu einem vermehrtem Arbeitsaufwand führen; 13% haben Probleme mit dem TI-Anschluss und benutzen weiter die alten Kartelesegeräte; nur 27% der bereits angeschlossenen Praxen gaben an, keine technischen Probleme damit zu haben

Von den 79% noch nicht angeschlossenen gaben 17% an, sich sobald wie möglich anschließen zu lassen bzw. den Konnektor bereits bestellt zu haben; 55% erklärten, vorerst weiter abwarten zu wollen und ggf. auch die 1% Honorarabzug in Kauf nehmen zu wollen; 18% gaben an, sich auf keinen Fall an die TI anschließen lassen zu wollen und im Falle dass die Sanktionen weiter verschärft würden, sie ihre Kassenarzt-Tätigkeit früher als ursprünglich geplant beenden zu wollen.

Zweidrittel (66%) aller Praxen sind also selbst unter der Androhung von 1% Honorarabzug und unter dem z.T. massiven Webe-Druck der Konnektoren-Anbieter nicht bereit, sich an die TI anschließen zu lassen. Für alle Kolleginnen und Kollegen, die den TI-Anschluss ablehnend gegenüber stehen, ist das eine klare Botschaft, mit ihrer Ablehnung standhaft zu bleiben. Der Traum (oder Alptraum, je nach Betrachtungsweise) von der „digitalen Gesundheitsdatenautobahn“ dürfte aufgrund fehlender und auch mit „bewährten“ Sanktionsmitteln nicht zu beflügelnder Akzeptanz bei 2/3 der potentiellen Daten-Zulieferer für´s erste einmal ausgeträumt sein.

Immerhin 13% der Kolleginnen und Kollegen sind entschlossen, selbst bei einer weiteren Verschärfung gesetzlicher Strafen den Konnektor grundsätzlich zu verweigern, und dann lieber ihre Kassenarzt-Tätigkeit früher zu beenden, als sie eigentlich geplant haben. So könnte der TI-Zwangsanschuss leicht zum Brandbeschleuniger für den drohenden Ärztemangel in der ambulanten Grundversorgung werden.

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