07.12.2017

Kanonenschlag oder Rohrkrepierer?

Dr. Ilka Enger, Vorsitzende des BFAV

Die Bürgerversicherung ist aus Sicht der Fachärzteschaft für Patienten und Versicherte hochexplosiv. Mit dem jährlichen Feuerwerk zu Silvester vergleicht der bayerische Facharztverband (BFAV) die sozialdemokratische Bürgerversicherung, die – so wie gefährliche „Polen-Böller“ – immer wieder aufs Neue aus der Munitionskiste der gesundheitspolitischen Neiddiskussion auftauchen und eine gefährliche Sprengkraft entwickeln könnten.

„Armageddon, Big Battle oder Böllerking – so prächtig wie die Namen so manches Feuerwerkssortimentes – klingt auch „Bürgerversicherung“ für die Ohren der gesetzlichen Krankenversicherten erst einmal nach einer guten und gewichtigen Sache,“ zieht Ilka Enger, Vorsitzende des bayerischen Facharztverbandes (BFAV) den Knallervergleich. „Bei genauerem Hinsehen aber wird klar, dass diese jedoch eine hochexplosive Mogelpackung mit nicht unerheblichen Risiken für kranke Bürger werden kann.“ Die SPD benennt die Bürgerversicherung derzeit als das Herzstück ihrer angeblichen Gerechtigkeitskampagne mit dem vorgeschobenen Argument unterschiedlicher Termin-Wartezeiten. Doch die vermeintliche Schnäppchen-Rakete  macht alles nur teurer, schlechter und patientenfeindlicher.

Pyrotechnik geht…

„Die sogenannte  Bürgerversicherung wird den Patienten – gerade aus dem Mittelstand – in vielerlei Hinsicht teuer zu stehen kommen“, führt Wolfgang Bärtl, Orthopäde aus Neumarkt aus. „Die GKV mag mit ihrer Einführung durch die unrechtmäßige Aneignung der angesammelten Beitragsrücklagen der PKV-Versicherten zunächst Gewinne ausweisen. Dann aber wird es aus drei Gründen teurer. Die Familienmitglieder der einstigen PKV-Versicherten müssen beitragsfrei mitversichert werden. Der Leistungsbedarf der ehemaligen PKV-Versicherten wird sich erhöhen. Die Beitragsbemessungsgrenze steigt oder fällt ganz weg, so dass gerade mittelständische Versicherte, die bisher einen gedeckelten Beitrag hatten, höhere Beiträge zahlen werden.“ Die Einheitszwangsversicherung könne keine Terminprobleme lösen,  da sich die Behandlungszeiten infolge des zunehmenden Ärztemangels nicht beliebig verlängern lassen.

Burndown-Syndrom folgt…

 „Die Praxen werden nicht leerer, sondern eher voller werden, wenn die einstigen Privatversicherten ihre Behandlungsansprüche in der GKV-Flatrate jetzt unbegrenzt geltend machen“, ist Ilka Enger überzeugt. „Durch den Wegfall der bisherigen PKV-Querfinanzierung für das unterfinanzierte GKV-System muss der Behandler im Budget-Hamsterrad  noch schneller seine Runden drehen - damit bleibt noch weniger Zeit für den einzelnen Patienten. Das treibt den Arzt in den Burnout und das System in den Burndown.“ Die fehlende Konkurrenz in der beabsichtigten Krankenkassenmonokultur führe zur Einschränkung individueller Leistungen. Der Wechsel des Krankenkassenanbieters werde bei der staatlichen Einheitskasse unmöglich. Leistungsabbau auf Kosten der Versicherten bleibe ungeahndet. „Wie bei jedem Feuerwerk wird die Euphorie auch bei der Bürgerversicherung sehr schnell am GKV-Himmel verglimmen“, ist Wolfgang Bärtl überzeugt. „Zurück bleibt dann wie am Neujahrsmorgen viel Müll, gefährliche Blindgänger und häufig auch verletzte Hobbyfeuerwerker, denen ein Kanonenschlag die Finger verbrannt hat.

Kategorie: BVNF, Allgemein

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