24.09.2017

Armuts-Zeugnis

Orthopäde Dr. Wolfgang Bärtl

Die niedergelassenen Fachärzte machen den Vorstand der kassenärztlichen Bundesvereinigung Dr. Andreas Gassen und seine Berater für das magere Verhandlungsergebnis von 1,18 Prozent Honorarerhöhung verantwortlich. Offenbar sei es Gassen nicht gelungen, den Krankenkassen die desaströsen Folgen dieser „Sparaktion“ für die Patientenversorgung klarzumachen.

Das Garantieversprechen, den Sicherstellungsauftrag in der Fläche trotzdem weiter erfüllen zu können, sei ein falsches Signal an die Politik und Vertragspartner, weil es die wirtschaftliche Situation in den Praxen völlig ignoriere, so warnt der Sprecher des bayerischen Facharztverbandes (BFAV), der Orthopäde Dr. Wolfgang Bärtl aus Neumarkt/Opf vor den Folgen.

„Die Führungsmannschaft der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gleicht dem Kommandodeck der Titanic, auf dem der Kapitän formelhaft und wider besseres Wissens an der Unsinkbarkeit des Sicherstellungsauftrages festhält, während die Mannschaft der niedergelassenen Ärzte längst verzweifelt versucht, zwischen den Eisbergen von Praxisschließungen und Hamsterrad in die schmalen Rettungsboote wie Selbstzahlerleistungen, Praxisverkauf an MVZs oder Flucht ins Ausland zu kommen. Die von den Krankenkassen zugestandene Punktwerterhöhung von 1,18% ist dabei nicht etwa Rettungsring, sondern eher Bleianker, der die selbständigen Praxen noch schneller unter Wasser zieht. Die Lücken in der Gesundheitsversorgung strukturschwacher Regionen, die gravierende Probleme im KV-Notdienst und die fortgesetzte Budgetierung von Grundleistungen sollten eigentlich Warnung genug sein, das Ruder endlich herumzureißen“, appelliert Bärtl an die Einsicht der KV-Bürokratie.

Falsche Verteilung

400 Mio. Euro, umgerechnet 1,18 % Erhöhung des Orientierungspunktwertes, für die in der morbiditätsbedingten budgetierten Gesamtvergütung gefangenen Grundversorgung ist de facto eine weitere Minusrunde, da allein schon die Steigerung der Lebenshaltungskosten und die Erhöhung der MFA-Gehälter um 4,8% den angeblichen Honoraranstieg ins Negative verkehrt. Umso üppiger falle  im Gegenzug die Steigerung der ohnehin schon privilegierten extrabudgetären Vergütung um ebenfalls 400 Mio Euro aus, so die Kritik des BFAV-Sprechers.
Mit diesem Ergebnis signalisiere die KBV ganz klar, dass sie auch weiterhin kein Interesse an einer angemessenen Vergütung der haus- und fachärztlichen Grundversorgung habe und weiterhin Klientelpolitik zu Gunsten der Spezialisten betreibe. Obwohl seit dem Neubauer-GA die Fallwertdifferenzen zwischen 16 und 22 EUR für die überwiegend in der fachärztlichen Grundversorgung tätigen Praxen allen bekannt sind, unternimmt die KBV nichts zur Rettung Schiffbrüchiger.

Ärzte-APO?

„Es wird höchste Zeit für die fachärztliche Grundversorgung, die „Titanic“ zu verlassen und sich in Rettungsboote zu flüchten“, fordert Ilka Enger, Vorsitzende des BFAV, aufgrund ihrer Negativerfahrung als vormalige 2. stellv. Vorsitzende der KV Bayerns, die Kollegen auf, sich zu einer „außerparlamentarischen Opposition“ zusammenzutun, um gemeinsam am KV-System vorbei mit Unterstützung der Kommunen zu betriebswirtschaftlich rentablen Honoraren zu kommen und damit auch weiterhin für die Versorgung in den Regionen zur Verfügung zu stehen. „Dieses beschämende Ergebnis der Honorarverhandlungen bestätigt den Eindruck der Bürgermeister und Kommunalpolitiker anlässlich des 5. Bayerischen Fachärztetages in Nürnberg, dass die Regionen mit ihren grundversorgenden Haus - und Fachärzten bei der KV weiterhin als Bittsteller auf taube Ohren stoßen“, bedauert Bärtl, Orthopäde und Vorsitzender des BVNF das erneute Desaster der Honorarverhandlungen.

Kategorie: BVNF, BFAV

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