08.01.2011
Von: Ilka M. Enger

Aufbruch in ein neues Gesundheitsjahr

?Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches und glückliches Neues Jahr ? und vor allem Gesundheit.? Dieser Satz dürfte von uns jeder mindestens zwanzig Mal gehört haben, während Böller und Raketen um Mitternacht die bösen Geister des vergangenen Jahres vertreiben sollten.

Auch in der Ärzteschaft gab es einige Böller und Raketen, die den Geist der Gesundheitsversorgung in Deutschland verändern werden.

2010 war das Jahr der Wahlen in den kassenärztlichen Vereinigungen. Einer Wahl, die die Marschrichtung der nächsten 6 Jahre festlegen wird. In Bayern zündeten die Ärzte hier ein Feuerwerk, das die alte Mannschaft komplett wegfegen könnte und eine grundlegende Umgestaltung der KVB bedeuten wird.

Die Wähler hatten genug vom berufspolitischen Kleinkrieg zwischen Haus- und Fachärzten. Das Wahlergebnis in Bayern legt nahe, dass 2011 das Jahr des Zusammenrückens in der bayerischen Ärzteschaft werden wird.

Die Arbeit der kassenärztlichen Vereinigung ? insbesondere in Bayern ? hat  Bereiche miteinander vermengt, die eigentlich der klaren Trennung bedürfen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben einen verwaltungstechnischen Auftrag ? nämlich die Umsetzung der Paragraphen des  SGB V.

Es tut weder gut, diesen Auftrag in vorauseilendem Gehorsam über zu erfüllen, noch ist es sinnvoll, ihn mit der berufspolitischen Vertretung der Ärzteschaft zu vermengen.

 2011 muss das Jahr einer Trennung zwischen berufspolitischer Vertretung der Ärzteschaft auf der einen Seite und andererseits der KVB als moderner Dienstleistungsgesellschaft für die Ärzteschaft und  als verwaltungstechnisches Organ.

Die Berufsverbände, die sich der Freiberuflichkeit der Ärzte verschrieben haben, die sich gegen eine unpersönliche, industrialisierte Konzernmedizin stellen und die bereit sind für Transparenz in unserem Medizinsystem einzutreten, sollten von der Ärzteschaft für die berufspolitische Vertretung mandatiert werden - Dies kann und muss von der KVB unterstützt werden. Selbst kann die KVB eine adäquate berufspolitische Vertretung aber nicht leisten.

Für den Bayerischen Facharztverband gehört zu dieser Transparenz unauflösbar ein gut durchschaubares Kostenerstattungsprinzip mit einem direkten Vertragsverhältnis zum Patienten. Dieses Prinzip muss eben nicht mit einer Vorkasse verknüpft sein, sondern kann durch intelligente Bausteine sozial so abgefedert werden, dass der Patient die Kostenkontrolle erhält, selbst in der Lage ist, Einfluss auf die von ihm verursachten Krankheitskosten zu nehmen und dennoch vor finanzieller Überbelastung geschützt wird.

Wie aktuell der oberste Vertreter der deutschen Katholiken, Bischof Zollitsch,  formulierte, müssen die Bürger in Deutschland vor den großen Gesundheitsrisiken und ihren finanziellen Folgen bewahrt werden. Das ist die Anforderung, die auch der BFAV an ein solidarisches Gesundheitswesen stellt. Solidargemeinschaft in der Gesundheitsversorgung bedeutet aber nicht Kollektivhaftung! Wir stimmen daher  ebenso in dem Vorschlag mit Bischof Zollitsch überein, wenn er mahnt: ?Dabei könne die Selbstbeteiligung ein Instrument sein, die Krankenversicherung vor übermäßiger Inanspruchnahme zu schützen.?

Verantwortung für die eigene Gesundheit hat jeder Bürger, nicht nur der Staat und damit die Solidargemeinschaft.

Lässt man das jetzige System unverändert, so wird die von Verdi Chef Bsirske jüngst angeprangerte Gefahr der  Priorisierung nach Vermögen im Sinne einer Zwei-oder gar Drei-Klassenmedizin unweigerlich Wirklichkeit werden. Weder wir Ärzte, noch die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes wollen dies. Eine ?All-Inclusive-Mentalität, die zunächst einmal Alles für Alle fordert und dann die Mittel für diejenigen verknappen muss, die schwer krank oder alt sind, ist  weder mit den ethischen Grundsätzen ärztlichen Handelns noch mit den humanistisch-christlich geprägten  Wertevorstellungen unserer Kultur  vereinbar.

Also kämpfen wir gemeinsam  für ein nachhaltig finanzierbares, solidarisches Gesundheitssystem - eine Reform des Vergütungssystems hin zu mehr Eigenverantwortung und damit sozial verträglicher Selbstbeteiligung ist hierfür unerlässlich!

Hier ein intelligentes Modell zu entwerfen ? das wird das Ziel für das Jahr 2011 sein. Wir bayerischen Fachärzte sind bereit, dazu unseren Beitrag zu leisten. Gleichzeitig erwarten wir aber auch von der Politik und den weiteren gesellschaftlichen Kräften in Deutschland Unterstützung bei diesem ehrgeizigen Ziel, das wir nur in einer gemeinsamen Anstrengung als echte ?Solidargemeinschaft? erreichen können.

Das Jahr 2011 ist wie geschaffen dafür, hierzu  richtungsweisende Änderungen zu vollziehen.

Der Freistaat Bayern kann hierbei mit unserer Unterstützung den Rückbau der Verwerfungen des Gesundheitsfonds vorantreiben und eine Vorreiterrolle hin  zu mehr Regionalität mit dem  ?Versorgungsmodell Gesundheitsland Bayern? übernehmen.