29.04.2019

Termine per App bei Fachärzten? Facharztverband warnt vor völlig falschen Erwartungen!

Dr. Wolfgang Bärtl, Orthopäde, Vorsitzender BFAV

Bundesgesundheitsminister Spahn verspricht den Patienten mit seinem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) mehr und schnellere Termine bei Fachärzten. KBV-Vorstand Gassen legt nach und weckt mit der Ankündigung ab 2020 per App Facharzttermine einfacher online buchen zu können hohe Erwartungen bei Patienten und Politik.

„Insbesondere die grundversorgenden Fachärzte wie Gynäkologen, Orthopäden, Urologen, Dermatologen, Augen- und HNO-Ärzte, aber auch andere Fachbereiche wie Neurologen, Psychiater und Internisten arbeiten gerade in strukturschwachen Regionen bereits am Limit bzw. bereits jenseits zumutbarer und zulässiger Grenzen“, warnt der Orthopäde Wolfgang Bärtl, Vorsitzender des Bayerischen Facharztverbandes, vor völlig überzogenen Erwartungen, dass mit einer Online-Terminvergabe zusätzliche Untersuchungs- und Behandlungszeiten geschaffen werden können.

Die finanziellen Anreize zur bevorzugten Behandlung einzelner Gruppen von Kassenpatienten sind vielmehr diskriminierend und führen zu einer Mehrklassen-Medizin innerhalb der GKV-Versicherten. Statt die ärztlichen Leistungen, von denen man mehr haben möchte, insbesondere die Grundleistungen, zu definieren und sie zu festen und angemessenen Preisen außerhalb der Budgetierung zu vergüten, wird jetzt der Patient mit seinem Behandlungsanlass zum Auslöser von mehr Honorar - und das gesetzlich fixiert! „Dieser Mechanismus wird alte und chronisch Kranke benachteiligen, da es nicht mehr, sondern eben nur andere Termine geben wird, bei denen manche Patientengruppe mehrfach benachteiligt sein wird“, kritisiert Bärtl die anstehenden gesetzlichen Regelungen.

Ein ähnlich falsche Erwartung weckt die aktuelle „Ankündigung“ des KBV-Chefs Gassen, der ankündigt, künftig über eine App schneller und komfortabler an Facharzttermine zu gelangen.

Wenn 90% der Patienten als GKV-Versicherte durch 10% Privatversicherte und Selbstzahler in zunehmenden Maße bei der Behandlung durch niedergelassene Fachärzte infolge unangemessener Bezahlung alimentiert werden, löst man das Dilemma nicht über gesetzlich verordnete Mehrarbeit, sondern durch eine anständige Vergütung, kritisiert Bärtl die gesetzlich verordnete Erhöhung der Pflichtsprechstunden um 25%!

„Diese hohen Erwartungen zu wecken ist gerade unter Kenntnis der abnehmenden Zahl selbständiger Ärzte und der rapiden Zunahme der angestellten Ärzte im ambulanten System nahezu sträflich, wenn man weiß, dass Selbständige im Durchschnitt mindestens 30% mehr an Leistungen erbringen“, warnt Bärtl vor weiteren Träumereien von einem medizinischen Schlaraffenland.

Nur über eine konsequente und nachhaltige Stärkung der hoch nachgefragten Erstkontakte bei den Fachärzten der Grundversorgung mit den damit in der Regel verbundenen Grundleistungen wird es möglich sein, schnellere, patienten- und ressourcenschonendere Behandlungen zu schaffen. Eine weitere Verstärkung des Zwanges hingegen wird immer mehr leistungsfähige Ärzte in Richtung Privatmedizin drängen.

Kategorie: BVNF, Allgemein

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