28.02.2021

Notaufnahme? Lieber in die Praxis!

Dr. Wolfgang Bärtl

Patienten meiden KH-Notaufnahme in der Corona-Pandemie / Bayerischer Facharztverband (BFAV) stärkt ambulante Notfallversorgung in Praxen. Durch die Krise steigt die Akzeptanz der Praxen bei nicht lebensbedrohlichen Notfällen auch außerhalb der Öffnungszeiten der Arztpraxen. Forsa-Umfragen im Auftrag der KKH-Kaufmännische Krankenkasse zeigen deutliche Trendumkehr. Ambulante Notfallversorgung gehört in die Hände der niedergelassenen Ärzte.

Warteschlangen in den Notaufnahmen der Kliniken und Patienten in der Warteschleife sind in der Corona-Pandemie an der Tagesordnung. Während die von Jens Spahn „angekündigte“ Reform der Notfallversorgung so wie manch anderes Projekt aus diesem Haus auf Eis liegt bzw. „kassiert“ wird, hat sich die Realität durch diese Krise bereits deutlich verändert. Kein Wunder, dass die Patienten Hotspots vermeiden wollen und deshalb lieber zum niedergelassenen Arzt als in die KH-Notaufnahme gehen. Das belegt eine aktuelle forsa-Umfragen im Auftrag der KKH. Während 2019 noch ein Drittel der Patienten außerhalb der Öffnungszeiten der Arztpraxen Hilfe in den Notaufnahmen der Kliniken suchten, sank dieser Wert aktuell auf nur noch gut 20 Prozent. Umgekehrt stieg die Akzeptanz des Patientenservice der Niedergelassenen mit Bereitschaftspraxen und zeitnaher Vermittlung in die Praxen von 29 % auf knapp 50 %.

Kompetenz zählt

„Dass sich fast jeder zweite Patient mittlerweile bei Notfällen außerhalb der Öffnungszeiten an die Praxen bzw. den Patientenservice der Niedergelassenen 116117 wendet und nicht reflexartig die Notaufnahmen der Kliniken aufsucht, ist eine positive Entwicklung in zweierlei Hinsicht,“ konstatiert Dr. Wolfgang Bärtl, Orthopäde aus Neumarkt/Opf. und Vorsitzender des BFAV. „Zum einen belegt sie das wachsende Vertrauen der Patienten in die Kompetenz und Effizienz der niedergelassenen Haus- und Fachärzte, die in Deutschland nahezu einzigartig eine flächendeckemde ambulante haus- und fachärztliche Versorgung rund um die Uhr anbieten können.  Zum anderen hält es den Kliniken und dabei insbesondere den Notaufnahmen den Rücken frei für wirklich lebensbedrohliche Notfälle bzw. schafft Freiräume für die in Pandemiezeiten entscheidenden Ressourcen der Intensivmedizin,“ so erinnert Bärtl.

Nachbesserungsbedarf

Trotz dieser positiven Entwicklung sieht der BFAV-Vorsitzende noch Schwächen, die sich gerade jetzt in der pandemischen Lage besonders herauskristallisiert hätten und einer Korrektur bedürften. So habe sich die enge räumliche und personelle Verzahnung der Klinik-Notaufnahmen mit den Bereitschaftspraxen der Niedergelassenen aus epidemiologischer Sicht nicht nur als unpraktikabel, sondern gar als gefährlich erwiesen. Viele Bereitschaftspraxen wurden seitdem von den Kliniken in unwirtliche Container oder andere Räume „vor die Tür gesetzt“. Zum anderen müssten die vorhandenen ambulanten fachärztlichen Ressourcen und Kompetenzen noch besser in das Notfallkonzept mit eingebunden werden.
„Diese epidemiologische Krise, hat gezeigt, dass sich zur Notfallversorgung außerhalb der üblichen Öffnungszeiten der Arztpraxen  fachübergreifende  Bereitschaftspraxen der Kassenärztlichen Vereinigungen deutlich besser eignen, als in die „Herzkammern der Kliniken“  integrierte Notaufnahmen“, fordert Bärtl die Politik auf, die gescheiterte Strategie des „gemeinsamen Tresens“ zu verlassen  und die ambulante Notfallversorgung in der noch ausstehenden Reform dort zu verorten, „wo sie hingehört. In die Verantwortung der niedergelassenen Haus- und Fachärzte.“ Die Patienten stimmten bereits mit den Füßen deutlich für dieses Konzept. Die KV-en sind, so der BFAV -Sprecher „aufgerufen, eigene ambulante, fachübergreifende Kompetenzzentren zur Behandlung von Notfällen außerhalb der üblichen Öffnungszeiten einzurichten.“

Kategorie: Bayerischer Facharztverband, BFAV