20.07.2020

Tote Leitung? Trotz Entwarnung durch die Betreibergesellschaft der Gesundheitstelematik – droht in manchen Arztpraxen der technische Shutdown?

Nach Ausfall von in der Spitze bis zu 80.000 Konnektoren durch das Versagen der Gematik gibt diese nun Entwarnung – die Konnektoren seien wieder alle am Netz. Das bezweifelt der bayerische Facharztverband. Sollten die technischen Fehler durch Aufspielen der notwendigen Dateien bis zum 20.07.2020 nicht behoben sein, fallen die noch nicht wieder angeschlossenen Konnektoren in einen „kritischen Betriebszustand“, warnt die Vorsitzende des BFAV, Dr. Ilka Enger die Kollegen und Patienten. Hintergrund der absurden Situation ist für die Internistin aus Regensburg die angeordnete Zwangsvernetzung der Praxen durch die Tele-Infrastruktur(TI) ohne ausreichend abgesicherte Technik.

Kurz vor Pfingsten blinkten bei etwa 80.000 Praxen, die sich bereits an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen hatten, die Warnlampen an den sog. Konnektoren und es erschien eine Warnung, dass der Stammdatenabgleich nicht möglich sei. Die Gematik (Betreibergesellschaft der Gesundheits-TI) hatte - so die bisherige Schadensanalyse - wohl eine veraltete Datei mit Sicherheitszertifikaten aufspielen lassen. Leider ließ sich der Fehler nicht online beheben, denn die Konnektoren verweigerten fehlerbedingt die Verbindung zum Gesundheitsnetz. Damit waren die betroffenen Praxen vom Zugang abgeschnitten. Den Ärzten blieb nur selbst die notwendige Sicherheitsdatei aufzuspielen oder ihren Dienstleister vor Ort damit zu beauftragen.

Hilflos ausgeliefert

Was Enger besonders empört: „Entgegen aller Sicherheitsvorgaben sollen nun die Praxisinhaber eine neue Datei aufspielen, die den Konnex wieder herstellt. Der aktuelle Zustand ist alarmierend. Von den 80.000 Praxen, das entspricht 50% aller Praxen in Deutschland, waren im Juni nach wie vor 25.000 nicht wieder angeschlossen. Enger hegt berechtigte Zweifel an der Aussage der Gematik, dass nun wieder alle Konnektoren funktionsfähig seien. Wenn es nicht gelungen ist, so Enger weiter, „alle Praxen wieder ans Netz zu bekommen, wird es für Betroffene teuer, denn dann schalten die Konnektoren in einen kritischen Betriebszustand - eine Art Dornröschenschlaf, aus dem sie nur ein IT-Techniker vor Ort wieder erwecken kann.“

Kostenübernahme ungeklärt

Hatte man zunächst die Kosten den Praxisbetreibern überhelfen wollen, so legte die Gematik mit der kassenärztlichen Bundesvereinigung fest, dass die Kosten in der Wartungspauschale der Dienstleister vor Ort beinhaltet seien und diese ohne Rechnung an die Praxen tätig werden sollen. Dagegen wehren sich jetzt die IT-Dienstleister. Es bleibt also spannend, wer die Kosten für den offensichtlich der Gematik zuzurechnenden Fehler übernehmen wird.

Düstere Aussichten

Die weiteren Aussichten sind vor dieser Erfahrung für die Gesundheitsversorgung noch gefährlicher: In der Zukunft sollen Krankmeldungen, Rezepte und die elektronische Patientenakte über diesen Konnektor laufen. „Wenn dann das System steht - so wie seit Pfingsten - wird es ungemütlich. Dann kann nämlich eventuell keiner mehr auf die Daten des Patienten zugreifen“, warnt Enger abschließend. Deshalb stehe der BFAV der Zwangsvernetzung der Praxen kritisch gegenüber und fordert, dass die Vernetzung auch für die Arztpraxen freiwillig bleiben müssen und geeignete Ersatzverfahren eine adäquate Behandlung auch jenseits der Zwangsvernetzung möglich machen müssten - „zum Schutz unserer Patienten.“

Kategorie: Bayerischer Facharztverband, BFAV, BVNF