27.04.2020

»Demaskierender Notstand« – Notstand durch Corona-Krise – Fachärzte fordern Ende der Unterfinanzierung

Dr. Wolfgang Bärtl

Die aktuelle Krise mit behördlich angeordneten Kontaktbegrenzungen im ambulanten Bereich zeigt laut Analyse des Bayerischen Facharztverbandes (BFAV) deutlich, dass das System wegen der Unterfinanzierung im GKV-Bereich, gerade für Facharztpraxen mit einem hohen Fixkostenanteil, wirtschaftlich ruinös wirke. Honorare, die nur von der Besucherfrequenz abhängen, würden Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die ambulante Versorgung verschärfen.

„Die Corona-Krise demaskiert die existenzbedrohende Unterfinanzierung im ambulanten Versorgungssystem gerade im fachärztlichen Bereich, wo aufgrund der exekutiv angeordneten Kontaktbegrenzungen sowohl Fallzahlen und Fallwerte sinken“, warnt BFAV-Sprecher Dr. Wolfgang Bärtl vor der finanziellen Notlage vieler Praxen. Die angedachte Auffangregelung mit einer Erstattung von 90% der GKV-Einnahmen greife auch deshalb deutlich zu kurz, da auch die Privateinnahmen, die bisher zur Querfinanzierung des defizitären gesetzlichen Versorgungssystems benutzt wurden, derzeit überdurchschnittlich wegbrächen.

Deshalb sei auch die von Erwin Rüddel, dem Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses, vorgetragene Argument für eine Verweigerung des Kurzarbeitergeldes in Arztpraxen schlichtweg falsch - er berücksichtigt damit weite Teile des ärztlichen Einkommens nicht.

„Das ist ein Praxisvernichtungsprogramm als Dankeschön für die couragierte und schutzlose Arbeit an der Corona-Front. Während jetzt alle Masken tragen müssen, ist mit dieser Pandemie die Maske eines kaputtgesparten Gesundheitssystems definitiv gefallen!“, weist Bärtl mit drastischen Worten auf die Notlage in den Praxen hin. Je mehr eine Facharztpraxis auf eine adäquate technische Ausstattung angewiesen ist, wie zum Beispiel Radiologen mit einem Fixkostensatz von bis zu 90%, desto geringer sei die Chance, ohne nachhaltige Änderungen in der Vergütungssystematik der ambulanten Medizin, wirtschaftlich zu überstehen.

„Damit demaskiert die Corona-Krise schonungslos ein seit Jahren unterfinanziertes GKV-System“, erklärt Ilka Enger, stellv. Vorsitzende und Internistin. „Bereits in dem vor fünf Jahren vom BFAV initiierten Neubauer-Gutachten wurden diese Defizite aufgezeigt und leider nicht von den kassenärztlichen Vereinigungen als Argumentationshilfe genutzt.“ Das Gutachten zeigte bereits damals, dass gerade in strukturschwachen Regionen fachärztliche Praxen wirtschaftlich nicht überlebensfähig seien und damit die adäquate Versorgung der Bevölkerung akut gefährdet würde. Die logische Forderung aus dem Gutachten sei eine betriebswirtschaftlich begründete Erhöhung in der Vergütung der GKV zu festen Preisen, ergänzt Bärtl.

Dringender Reformbedarf 

Der BFAV fordert als Lehre aus dieser Krise eine umgehende Reform der GKV-Vergütungssystematik, die mit krisenfesten Honoraren aus den Einnahmen der GKV einen betriebswirtschaftlich rentablen Praxisbetrieb und die Bildung von Reserven erlaubt. Andernfalls treffe die nächste Welle der Pandemie ungebrochen auf die stationäre Versorgungsebene, deren Behandlungskapazitäten für Schwererkranke dringend frei gehalten werden müssten, appelliert Bärtl an die Verantwortung der Politik.

Die Vertragsärzte stellten die flächendeckende Versorgung per Gesetz sicher und haben im Gegenzug ein Anrecht auf ein auskömmliches Honorar, um die Praxen betriebswirt-schaftlich betreiben zu können. Der Vertrag zwischen gesetzlichen Krankenversicherungen und Kassenärztlicher Vereinigung sei völlig aus der Balance  geraten und wird ohne Gegensteuern zu Lasten der Patientenversorgung kippen. Das sollte spätestens mit dem Neubauer-Gutachten der KVB einer breiten Öffentlichkeit bekannt sein.

Wachsender Druck

Dass sich die Gesundheitsbürokratie auf Druck der Basis durchaus bewege, zeige aktuell das Thema AU-Bescheinigungen. Die Kern-Erkenntnis aus dieser Krise müsse für die Vertragsärzte lauten: Ohne feste und angemessene Preise in der GKV, die bei einer durchschnittlichen Fallzahl und Arbeitszeit zumindest ein dem Aufwand und der Qualifikation angemessenes Honorar gewährleisten, können und werden wir diesen Sicherstellungsauftrag nicht mehr aufrechterhalten.

Kategorie: Bayerischer Facharztverband